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ZUR KRITIK EINIGER THEORETISCHER ANNAHMEN UND KONSTRUKTE IN DER GESTALT-THERAPIE 1 Gerhard Stemberger Einleitung: Robert SHERRILL's Thesen zum Verh ltnis Gestaltpsychologie und Gestalt-Therapie Wer sich mit der Beziehung zwischen Gestalt-Therapie und Gestaltpsychologie besch ftigt ist mit einer seltsamen Situation konfrontiert: Vor allem namhafte Gestalttheoretiker in den USA - wie etwa Rudolf ARNHEIM (1974) und Mary HENLE (1978) - haben jede Verwandtschaft von Gestalt-Therapie und Gestaltpsychologie entschieden bestritten. 2 Die meisten Exponenten der Gestalt-Therapie hingegen beginnend mit Fritz PERLS selbst haben auf dieser Verwandschaft immer bestanden. Der amerikanische Psychologe und Gestalt-Therapeut Robert E. SHERRILL ein Sch ler von Jim SIMKIN kommt in seiner Auseinandersetzung (SHERRILL 1986) mit diesem merkw rdigen Verh ltnis zu folgenden drei Befunden: 1) Die Darstellung der Gestalt-Psychologie in den gestalt-therapeutischen Schriften sei in vielerlei Hinsicht nachweislich schlicht falsch dies weiter zu ignorieren oder zu bestreiten w re unsinnig und unhaltbar. 2) Die Gestalt-Psychologie und die Systeme GOLDSTEINs und LEWINs w rden in der Gestalt-Therapie immer gleichgesetzt und vermischt dies sei sachlich nicht gerechtfertigt und w rde verwischen da die Gestalt-Therapie den Systemen GOLDSTEINs und LEWINs wesentlich n her st nde als der Gestalt-Psychologie. 3) Es gebe auch einen wesentlichen theoretischen Unterschied zwischen GestaltTherapie und Gestaltpsychologie n mlich in der Frage des Einflusses des Organismus auf die Wahrnehmung. Ich m chte mich einleitend kurz mit diesen drei Punkten besch ftigen da sie zumindest unter jenen Gestalt-Therapeuten die sich ber das Verh ltnis zwischen Gestaltpsychologie und Gestalt-Therapie Gedanken gemacht haben eine gewisse Popularit t besitzen. Anschlie end werde ich diese meine erste Stellungnahme an1 berarbeitete und erweiterte schriftliche Fassung eines Vortrags in der AGG-Akademie in Wien beim Jour fixe der Wiener AGG-Sektion Integrative Gestalttherapie am 17.6.1997. 2 Vgl. auch THOLEY 1984b. Siehe die kommentierte Zusammenfassung der kritischen Ausein-andersetzung von Gestaltpsychologen mit der Gestalt-Therapie in STEMBERGER 1995a. Eine differen-zierte Diskussion des Verh ltnisses zwischen Gestalttheorie und GestaltPsychologie in Form eines geistreich-witzigen Dialogs findet sich bei WALTER 1984. 284 Gestalt Theory Vol. 20 (1998) No. 4 hand ausgew hlter Begriffe und Konstrukte mit denen sich die gestalttherapeutische Theoriebildung auf die Gestaltpsychologie bezieht ausf hrlicher konkretisieren. Wenn ich im weiteren von Gestaltpsychologie spreche so sei vorweg zur Klarstellung gesagt da ich damit die "gestalttheoretische Psychologie" oder noch genauer die "Berliner Schule der Gestalttheorie" meine also jenen wissenschafts bergreifenden Forschungsansatz zu dessen Begr ndern und wichtigsten Vertretern WERTHEIMER K HLER KOFFKA LEWIN GOTTSCHALDT DUNCKER METZGER und RAUSCH z hlen. 3 ad 1) Der Einsch tzung SHERRILLs da die Auslassungen ber Gestaltpsychologie in den meisten gestalt-therapeutischen Schriften auf weiten Strecken v llig unzutreffend sind kann man eigentlich nur schlicht zustimmen. Schon Fritz PERLS hat in seinen theoretischen Ausf hrungen die ja oft quasi nebenbei erfolgten und an deren stringenter Ausf hrung ihm offenbar selten lag auf Erkenntnisse Positionen und Begriffe der Gestaltpsychologie oft ganz offenkundig falsch bezug genommen. Bisweilen f hrte das zu grotesken Bl ten wo er aus schlichter Unkenntnis der Gestaltpsychologie dieser zuerst eine falsche Position unterstellte diese Position dann kritisierte und korrigierte und dabei zu einem Ergebnis kam das die Gestaltpsychologie tats chlich ohnehin und l ngst vor ihm vertreten hatte. Ein Beispiel daf r: PERLS (1981 S. 66f) kritisiert die Gestaltpsychologie f r deren angebliche Grundaussage das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile. Das ist in etwa so wie wenn man die protestantische Kirche f r ihren Marienkult kritisieren wollte. Die Auffassung da das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile geht bis in die Antike (ARISTOTELES) zur ck und wurde in der Ideengeschichte in verschiedenen Formen immer wieder vertreten. Die Gestaltpsychologie der Berliner Schule zeichnet nun gerade aus da sie diese Auffassung kritisch berwunden hat wovon man sich schon anhand der Arbeit WERTHEIMERs aus dem Jahr 1912 berzeugen kann in der er u.a. zeigte da bei einer Gestalt nicht nur etwas Neues hinzukommen kann sondern im Gestaltzusammenhang auch Teile oder deren Eigenschaften verloren gehen k nnen die sie als Einzelgebilde besitzen. 4 "Es ist daher ... nicht zutreffend wenn man sagt das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile. Vielmehr mu es hei en: Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile. Es kommen nicht etwa nur zu den - unver nderten - Teilen Gestaltqualit ten hinzu sondern alles was zu einem Teil eines Ganzen wird nimmt selbst neue Eigenschaften an (METZGER 1975b S. 6). 3 Dieser Hinweis ist vor allem deshalb alles andere als berfl ssig als in der gestalttherapeutischen Literatur immer mehr die Verwendung (man k nnte durchaus auch sagen Usurpation) der Bezeichnung Gestalttheorie f r die Theorie(n) der Gestalt-Therapie einrei t. 4 Ein neueres Beispiel aus der visuellen Wahrnehmung f r den Fall wo das Ganze weniger als seine Teile ist f hren ZANFORLIN et al. (1991) aus. Stemberger Kritik theoretischer Annahmen und Konstrukte 285 Oder um es mit der ber hmten Kurzdefinition von Max WERTHEIMER zu sagen: Es gibt Zusammenh nge bei denen nicht was im Ganzen geschieht sich daraus herleitet wie die einzelnen St cke sind und sich zusammensetzen sondern umgekehrt wo - im pr gnanten Fall - sich das was an einem Teil dieses Ganzen geschieht bestimmt von inneren Strukturgesetzen dieses seines Ganzen ... Gestalttheorie ist dieses nichts mehr und nichts weniger (WERTHEIMER 1985 S. 103). Allerdings mu man PERLS im Unterschied zu vielen seiner Nachfolger und Sch ler hinsichtlich seines Bezugs zur Gestaltpsychologie zweierlei zugutehalten: Erstens da er in seinen Leitideen und seinen Entdeckungen wesentlich mehr bereinstimmung mit der Gestaltpsychologie erkennen l t als man aus seinen theoretischen u erungen schlie en k nnte (siehe dazu v.a. WALTER 1984). Zum zweiten da ihm die Mangelhaftigkeit seiner Kenntnisse ber die Gestaltpsychologie zumindest gegen Ende seines Lebens durchaus bewu t war und er sie bedauerte: Ich w nschte ich h tte mehr von Gestalt verstanden als ich noch bei GOLDSTEIN war zitiert ihn Lore PERLS in ihrem Gespr ch mit Daniel ROSENBLATT (L. PERLS 1997 S. 13). ad 2) Dem Befund von SHERRILL da die Gestalt-Therapie die Gestaltpsychologie und die Systeme von GOLDSTEIN und LEWIN miteinander unzul ssig vermischt habe und da die Systeme GOLDSTEINs und LEWINs mit der GestaltTherapie n her verwandt w ren als die Gestaltpsychologie kann ich hingegen so nicht folgen. LEWIN in dieser Weise gegen die Gestaltpsychologie abzugrenzen halte ich f r verfehlt. Trotz gewisser Unterschiede in Einzelfragen - wie sie auch zwischen den anderen Gestaltpsychologen immer wieder f r einige Zeit bestanden - mu LEWIN m.E. eindeutig der Gestaltpsychologie zugeordnet und als einer ihrer gro en Vertreter angesehen werden. So betrachteten es die anderen Begr nder und namhaften Vertreter der Gestaltpsychologie und so stellte er es auch selbst wiederholt ausdr cklich fest: "Fortunately I experienced Max Wertheimer's teaching in Berlin and colloborated for over a decade with Wolfgang K hler. I need not emphasize my debts to these outstanding personalities. The fundamental ideas of Gestalt theory are the foundation of all our investigations in the field of the will of affection and of personality. In the few articles in which the problems of general Gestalt theory are not explicitly discussed this is solely because they have become the selfevident foundations of experimental practice" (LEWIN 1935 S. 240). Der wesentlichste Unterschied zwischen LEWIN und den anderen Begr ndern der Gestaltpsychologie kann wohl darin gesehen werden da LEWIN f r seine Untersuchung des Verhaltens des Menschen eine rein psychologische Untersuchung und Erkl rung f r ausreichend hielt w hrend vor allem K HLER der Untersuchung des psycho-physischen Zusammenhangs gr te Aufmerksamkeit widmete. Diese unterschiedliche Akzentuierung hat wohl nicht zuletzt mit der Unterschiedlichkeit der Forschungsfelder zu tun mit denen sich LEWIN und K HLER befa ten: der eine vorwiegend mit dem Problem der Bewegung des Menschen in 286 Gestalt Theory Vol. 20 (1998) No. 4 der Umwelt der andere mit dem Problem der Ausbildung der Umwelt in der Wahrnehmung (vgl. dazu WALTER 1996 S. 65 zur kritischen Analyse der Widerspr che in die LEWIN in bestimmten Bereichen seiner Theoriebildung durch die Ausklammerung der Psychophysik kommt siehe GRAEFE 1961). So oder so teilt LEWIN nicht nur seine wesentlichen Grundauffassungen mit der Gestaltpsychologie sondern wie noch zu zeigen sein wird auch deren Schicksal hinsichtlich der meist verk rzten und entstellten bernahme seiner Begriffe und Konstrukte in die gestalt-therapeutische Theorienbildung. Was nun GOLDSTEIN anbelangt kann man noch am ehesten gewisse Parallelen zwischen seinem Umgang mit einigen der Gestaltpsychologie entlehnten Begriffen und dem feststellen was sich diesbez glich in der gestalt-therapeutischen Literatur vorfindet. Insbesondere trifft dies auf seinen Gebrauch des Organismusbegriffs und seine Verwendung des Gestalt-Begriffs zu wo er sich im Zuge biologischer Betrachtungen bisweilen zu hnlichen Vermengungen von physiologischen und ph nomenalen Sachverhalten verf hren lie wie wir sie in der gestalttherapeutischen Literatur auf Schritt und Tritt vorfinden. ad 3) Der von SHERRILL an dritter Stelle genannte Befund der "wichtige theoretische Unterschied zwischen Gestalt-Therapie und Gestaltpsychologie in der Frage der organismischen Einfl sse auf die Wahrnehmung" beruht in dieser Form in erster Linie auf einem alten und verbreiteten Vorurteil gegen ber der Gestaltpsychologie. Diesem Vorurteil zufolge habe die Gestaltpsychologie die Wahrnehmungsvorg nge unter Vernachl ssigung des "Subjektiven" "Aktiven" "Intentionalen" zu untersuchen und zu verstehen versucht und h tte erst die Gestalt-Therapie den Menschen als "Gestalter" seiner Wahrnehmung auf Grundlage seiner organismischen Bed rfnisse entdeckt. Auch diesen Befund kann ich nicht teilen wie aus meinen weiteren Ausf hrungen noch verst ndlich werden sollte. Zusammenfassend kommt SHERRILL zu der Einsch tzung da die GestaltTherapie die Bedeutung wichtiger Gestaltbegriffe erweitert und damit auf Differenzierung verzichtet (etwa indem sie die Begriffe Gestalt/Figur nahezu austauschbar verwende die Figur/Grund-Konstellation auch auf innere Vorg nge erweitere die Unterschiede zwischen Figurbildung und selektiver Aufmerksamkeit und deren unterschiedliche Beeinflussung durch organismische Zust nde ignoriere) und damit eine hnliche Wertentscheidung wie GOLDSTEIN und LEWIN getroffen habe: n mlich f r eine Erweiterung der Konzepte auch auf die Gefahr hin unpr zise zu werden in der Hoffnung auf Fruchtbarkeit f r ein besseres Verstehen des Funktionierens der Person. Ich werde im weiteren meine Auffassung begr nden da diese Art der "Erweiterung" der von der Gestaltpsychologie entlehnten Begriffe und Konstrukte und der "Verzicht auf Differenzierung" weder LEWIN (und auch nicht GOLDSTEIN) gerecht wird noch die von SHERRILL angesprochene Hoffnung erf llt sondern in der gestalt-therapeutischen Literatur anhaltende Verwirrung gestiftet und sp ter auch eine Reihe von (noch nicht abgeschlossenen) Korrekturbewegungen in der Gestalt-Therapie notwendig gemacht hat die bei einem Verzicht auf die von Stemberger Kritik theoretischer Annahmen und Konstrukte 287 SHERRILL angesprochenen Erweiterungen und Nicht-Differenzierungen erst gar nicht als Problem zu l sen gewesen w ren. Das Konstrukt "Organismus/Umwelt-Feld" Einer der Schl ssel-Begriffe der Gestalt-Therapie ist der des "Organismus/Umwelt-Feldes" mit dem auch der Kontakt-Begriff der Gestalt-Therapie und verschiedene Konzeptionen des sogenannten Kontakt-Zyklus-Modells in enger Verbindung stehen. Verschiedentlich wird behauptet die Gestalt-Therapie habe den Begriff des "Organismus/Umwelt-Feldes" Kurt LEWIN bzw. der Gestaltpsychologie entlehnt. Tats chlich ist dieses Konzept jedoch wie ich im folgenden zeigen werde mit den Auffassungen der Gestaltpsychologie und Kurt LEWINs in vielfacher Hinsicht unvereinbar und sachlich unangemessen. Kennzeichnend f r das Konzept des "Organismus/Umwelt-Feldes" ist vor allem: da physiologische und physikalische Sachverhalte mit ph nomenalen gleichgesetzt oder vermengt werden da der Feldbegriff unzul ssig auf Gebiete ausgedehnt und verallgemeinert wird in denen er in dieser Form keine Geltung hat weil dort gar keine Feldzusammenh nge der behaupteten Art bestehen da in Verbindung damit primitive Hom ostase-Konzepte und nicht sachgem e Kontakt-Zyklus-Modelle entwickelt werden sowie es im Gefolge dieser grunds tzlichen M ngel in diesem Konzept zu berzogenen Projektionsannahmen 5 und anderen Problemen kommt. Die Gestaltpsychologie hat sich stets abgegrenzt von der naiv-realistischen Weltauffassung nach der das Subjekt mit dem physiologischen Organismus gleichgesetzt wird. Nach gestalttheoretischer (kritisch-realistischer) Auffassung ist streng zu unterscheiden zwischen dem physikalischen Organismus einerseits und dem ph nomenalen K rper-Ich andererseits. Ebenso streng ist zu unterscheiden zwischen der physikalischen Umgebung einerseits und dem ph nomenalen Umfeld andererseits. Das Konzept des "Organismus/Umwelt-Feldes" kennt derartige Unterscheidungen nicht und schwankt zwischen einer Identifikation des Organismus mit dem physikalischen K rper und dem ph nomenalen K rper-Ich. So kommt es zu einer st ndigen Vermischung physikalischer Sachverhalte mit ph nomenalen. Damit ist auch eine Ausdehnung des Feldbegriffs verbunden die insofern unzul ssig ist als zwischen physikalischem Organismus und physikalischer Umwelt sensumotorische Kreisprozesse und nicht Feldvorg nge das Geschehen bestimmen. 5 Bez glich der berzogenen Projektionsannahmen auf die der vorliegende Artikel nicht n her eingeht sei auf deren Behandlung bei THOLEY 1980a verwiesen.
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- Source: gestalttheory.net
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